Dominanztheorie heute: subtiler, aber immer noch sehr bequem

Veröffentlicht am 11. Februar 2026 um 21:17

48 Sätze, die du nie wieder über deinen Hund sagen solltest 👇


Wie erkennst du die Dominanztheorie in der Praxis und wie kannst du umdenken?

In der Verhaltensbiologie gibt es einen Grundsatz: Wenn ein Verhalten in einem bestimmten Kontext immer wieder auftaucht, gibt es irgendwo Verstärker.

Verstärker verleihen dem Verhalten seine Funktion (Funktion = Zweck, Grund) und halten es aufrecht.

Die Frage lautet also: Was hat der Hund davon, wenn er dieses Verhalten zeigt? Welche Bedürfnisse stecken hinter seinem Verhalten?

Diesen Ansatz können wir auch auf uns übertragen: Warum hält sich eine veraltete und widerlegte Theorie so hartnäckig? Welche Verstärker wirken hier?

Oder anders gefragt: Was haben Menschen davon, wenn sie an ihr festhalten?

Jeder Hundemensch hat schon mal von ihr gehört: die Dominanztheorie. Es ist allgemein bekannt, dass sie auf Verhaltensbeobachtungen von in Gefangenschaft gehaltenen Wölfen basierte und wissenschaftlich widerlegt ist.

Viele denken, dass sie mit diesem Dominanz- und Alphadenken sowieso nie was zu tun hatten, da sie z.B. Stachelhalsbänder ablehnen und ihren Hund nicht runterdrücken, kneifen, schlagen oder treten.

Dabei wird übersehen, dass die Dominanztheorie nicht nur körperliche Gewalt, Druck und Zwang legitimiert hat, sondern darüber hinaus ein verzerrtes Verständnis von Macht und Verantwortung mitlieferte, welches Menschen ganz gut in den Kram passte.

Der Dominanzsprech hat sich in unserem heutigen Alltag zu etwas Subtilem entwickelt – aber er ist noch da. Und für Hunde sind die Folgen alles andere als subtil. Dominanzdenken führt zu Leid, zu unfairer Behandlung, zu Missverständnissen im Verhalten, zu Trainingstraumata – und ja, auch zu Abgaben von Hunden. Es versteckt sich in Bemerkungen, in vermeintlich harmlosen Tipps und Ratschlägen.

🔍 In diesem Artikel entlarven wir Beispiele von verborgener Dominanztheorie, stellen die verhaltensbiologische Einordnung gegenüber und machen uns klar, warum dieser Schritt allein nicht ausreicht.

Der zweite Schritt, der logisch und konsequent daraus folgt, ist der Knackpunkt. Er ist der zentrale Grund, warum die Dominanztheorie auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrer Widerlegung immer noch so präsent ist: Eine unbequeme Verschiebung der Verantwortung würde stattfinden – nämlich zu uns.

Verhalten funktional einzuordnen schützt uns davor, auf veraltete Dominanz- und Rangordnungstheorien reinzufallen. Es hält uns davon ab, Hunde in vermenschlichte Schubladen zu stecken und gibt uns die klare Sicht, die wir für faire und nachhaltige Verhaltensänderungen brauchen.


Der erste Schritt: Erkennen und einordnen


1. Hunde planen strategisch, um die Rangordnung zu verändern

Dies sind Klassiker, die dem Hund Absicht und Machtspiele unterstellen:

  • „Der testet gerade, wie weit er gehen kann.“
  • „Der weiß ganz genau, was er tut.“
  • „Der macht das extra.“
  • „Der nimmt dich nicht ernst.“
  • „Der hinterfragt dich und will das jetzt ausdiskutieren.“
  • „Der will bestimmen.“

Funktionale Betrachtung:
„Mein Hund überprüft, welches Verhalten sich in dieser Situation für ihn lohnt oder Sicherheit bringt.“


2. Hunde führen Machtkämpfe mit uns und wollen das Sagen haben

Hört man auch sehr häufig:

  • „Da musst du sofort einen Riegel vorschieben.“
  • „Der tanzt dir auf der Nase rum.“
  • „Wenn man einmal nachgibt, hat man verloren.“
  • „Da darf man keine Schwäche zeigen.“
  • „Der soll nicht vorlaufen, er hat hier nichts zu klären.“
  • „Du musst lernen, dich durchzusetzen.“

Funktionale Betrachtung:
„Ich sollte prüfen, was mein Hund gerade braucht, damit er die Situation gut bewältigen kann: Mehr Individualdistanz? Mehr Spielraum für hündische Kommunikation: Beschwichtigung und Deeskalation – ganz oft verbunden mit der Möglichkeit, sich abzuwenden und am Boden zu schnüffeln.“


3. Manche Rassen brauchen Druck, anders verstehen die das nicht

Diese Aussagen verraten den Glauben an körperliche Durchsetzung:

  • „Der muss wissen, wer stärker ist.“
  • „Der braucht mal eine klare Ansage.“
  • „Den musst du einschränken.“
  • „Der akzeptiert nur ’ne starke Führung.“
  • „Der muss dich respektieren.“
  • „Bei dem musst du deutlicher werden.“

Funktionale Betrachtung:
„Mein Hund hat gerade Schwierigkeiten, meine Signale unter diesen Umständen und mit unserem aktuellen Trainingsstand umzusetzen.“


4. Hunde wollen uns kontrollieren

Ganz typischer Dominanzsprech:

  • „Der darf nicht zuerst durch die Tür.“
  • „Du bestimmst, wo dein Hund läuft.“
  • „Der bekommt sein Futter erst, wenn die Menschen gegessen haben.“
  • „Der schläft nicht im Bett, sonst denkt er, er ist der Chef.“
  • „Der will Raum verwalten und nimmt dir den Platz weg.“

Funktionale Betrachtung:
„Mein Hund versucht, an für ihn wichtige Ressourcen (Futter, gemütliche Plätze, interessante Schnüffelstellen, etc.) zu kommen. Er möchte, wie jedes Lebewesen, Einfluss auf Situationen ausüben, so dass sie positiv für ihn verlaufen.“


5. Der Begriff „Konsequenz“ bezieht sich ausschließlich auf das Bestrafen

Dieser eigentlich neutrale Begriff kommt nie im Kontext von „Du solltest konsequent freundlich und fair mit deinem Hund umgehen“, sondern nur in folgendem Zusammenhang:

  • „Man muss von Anfang an konsequent sein, damit der gar nicht erst die Oberhand kriegt.“
  • „Bleib konsequent, sonst übernimmt der das Kommando.“
  • „Wenn man das jetzt durchgehen lässt, ist es vorbei.“
  • „Der braucht konsequent klare Grenzen.“

Funktionale Betrachtung:
„Je früher ich die Körpersprache meines Hundes erkennen kann, desto leichter fällt es mir, Situationen zu entschärfen. Hierdurch kann ich ihm frühzeitig Signale für ein Alternativverhalten geben und lasse ihn erst gar nicht in das Problemverhalten rutschen. Ich handle proaktiv anstatt nur zur reagieren.“


6. Hundeverhalten wird mit menschlichen Moralvorstellungen bewertet

Der Hund wird in vermenschlichte Schubladen gesteckt. Nicht das situative Verhalten wird hier eingeordnet, sondern der gesamte Hund bekommt ein Label, welches ihm Absicht unterstellt:

  • „Der ist frech.“
  • „Der ist respektlos.“
  • „Der ist dominant.“
  • „Der ist stur.“
  • „Der ist ganz schön ausgekocht.“

Funktionale Betrachtung:
„Das Verhalten wirkt unhöflich, hat aber für meinen Hund eine Funktion, zum Beispiel Stressabbau oder Selbstschutz.“


7. Vergleich mit veralteter Kindererziehung

Auch im Umgang mit Kindern sollten wir dieses dunkle Zeitalter hinter uns gelassen haben. Aber die schwarze Pädagogik spukt noch in vielen Köpfen rum:

  • „Bei uns herrscht Disziplin und Ordnung. Hier tanzt keiner aus der Reihe.“
  • „Eine klare Ansage von einem anderen Hund tut dem mal gut. Nur so lernt er’s.“
  • „Wer nicht hören will, muss fühlen.“
  • „Ach, so ein kleiner Klaps ist doch keine Gewalt!“
  • „Ich wurde schließlich auch nicht in Watte gepackt, und es hat mir nicht geschadet.“
  • „Man sieht ja in der modernen Kindererziehung, wohin das geführt hat. Ne, dieses Nachgiebige taugt nichts.“

Funktionale Betrachtung:
„Moderne Erziehung hat nichts mit Wattebauschwerfen zu tun, sondern mit Verstehen von Entwicklung, Belastbarkeit, emotionaler Sicherheit und Lernprozessen. Bei Kindern wie bei Hunden.“


8. Abwertung der körpersprachlichen Signale

Warnsignale werden nicht als „echt“ oder als Kommunikation gesehen, sondern als Machtinstrumente:

  • „Der knurrt nur, um Druck zu machen.“
  • „Der blufft.“
  • „Der manipuliert dich.“
  • „Dem darf man das nicht durchgehen lassen.“

Funktionale Betrachtung:
„Mein Hund nutzt Ausdrucksverhalten, um mit mir zu kommunizieren und seine Bedürfnisse mitzuteilen – nicht um mich machtstrategisch zu manipulieren. Wie soll er denn auch anders kommunizieren als über sein Verhalten?“

(Ich persönlich kann jedenfalls sagen, dass ich bisher von keinem Hund eine WhatsApp erhalten habe mit der Bitte um mehr Distanz.)


9. Aggression als Lustgewinn

Auch diese Sätze hört man leider häufig:

  • „Der ist auf Krawall gebürstet, das macht ihm Spaß.“
  • „Ich sehe keinen Auslöser für sein aggressives Verhalten – dann macht der das bestimmt aus Spaß.“
  • „Manche Hunde haben Freude am Kämpfen. Wie bei uns Menschen, da gibt es ja auch Kneipenschläger. Das ist einfach so.“
  • „Aggression soll ja selbstbelohnend sein, habe ich mal gehört. Das kann man nicht akzeptieren und muss hart durchgreifen!“

Funktionale Betrachtung:

„Mein Hund setzt aggressives Verhalten ein, weil es für ihn in dieser Situation funktioniert – nicht, weil er Freude an Aggression hat.“

Aggression ist für Hunde nicht selbstbelohnend – auch wenn diese Behauptung in Posts, Podcasts, Videos oder Büchern immer wieder auftaucht. Menschliche Aggression lässt sich nicht eins zu eins mit hündischer Aggression vergleichen, da Unterschiede in kognitiven, psychologischen und sozialen Prozessen vorliegen.

Beispiele aus der Soziologie unreflektiert auf Hundeverhalten zu übertragen, ist fachlich nicht haltbar.


10. Zu viel Zuwendung gibt dem Hund Macht

Der Gedanke, dass wenn wir unsere Hunde verwöhnen, sich das Machtverhältnis verschiebt:

  • „Du verwöhnst deinen Hund. Der denkt, er wäre ein kleiner Prinz.“
  • „Kein Wunder, dass er dich nicht ernst nimmt, du verwöhnst ihn ja.“

Funktionale Betrachtung:

„Ich möchte, dass mein Hund eine sichere Bindung zu mir aufbaut und mir vertraut. Dazu gehört, dass ich auf seine Bedürfnisse achte und auf seine körpersprachlichen Signale eingehe.“

Problemverhalten entsteht nicht durch Achtsamkeit, Mitgefühl und Rücksichtnahme, sondern durch das Ignorieren von Grenzen und Bedürfnissen.

Fürsorge zeigen. Sicherheit und Verlässlichkeit bieten. Eine vorhersehbare Umwelt gestalten. Orientierung und emotionale Unterstützung geben. Das alles hat nichts mit Verwöhnen zu tun.


Der zweite Schritt: Verantwortung übernehmen


Die Bereitschaft, genauer hinzuschauen und eigene Dominanzgedanken ehrlich zu hinterfragen, ist kein einfacher Schritt. Wenn man ihn zulässt, erfolgt konsequent die Verschiebung von Verantwortung weg vom Hund.

Das ist unbequem und erklärt, warum die Dominanztheorie immer noch einen Nährboden hat. Solange ich denke, mein Hund „macht das extra“, „nimmt mich nicht ernst“ oder „ist auf Krawall gebürstet“, liegt die Verantwortung nicht bei mir. Der Hund ist das Problem.

Und diese Denkweise ist für Menschen einfach unheimlich praktisch.

Sobald ich jedoch beginne, Verhalten biologisch und funktional zu betrachten, ändert sich die Blickrichtung. Dann geht es nicht mehr ums Deckeln und Unterdrücken von Symptomen, sondern um die Ursachenforschung und Lösungsfindung.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch, sich der eigenen Hilflosigkeit zu stellen. Unerwünschtes Verhalten kann überfordern, frustrieren, wütend machen. Es kann Ohnmacht und Verzweiflung auslösen und oft auch die komplette Sicht auf den Hund negativ einfärben.

Diese Gefühle sind menschlich und absolut nachvollziehbar. Sie verschwinden auch nicht, nur weil wir kognitiv verstehen, dass unser Hund uns nicht provozieren, herausfordern oder nach Rang und Status streben will.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, wohin diese Gefühle gehen. Es ist natürlich viel leichter, sie am Hund auszulassen. Er kann sich nicht entziehen. Er widerspricht nicht. Er ist körperlich und sozial unterlegen und komplett von uns abhängig. Genau darin liegt ein sehr krasses Machtgefälle, das wir oft nicht wahrhaben wollen.

Machtgefälle sind nicht per se problematisch, aber sie sind die Voraussetzung dafür, dass körperliche und/oder psychische Gewalt überhaupt erst entstehen kann. In so einem Machtgefälle ist die Aussage „Du musst dich durchsetzen“ nicht mehr neutral, und Training wird automatisch auch zu einer ethischen Frage.

Immer dann, wenn Druck, Härte oder Abwertung uns kurzfristig Erleichterung verschaffen, lohnt es sich, innezuhalten und ehrlich hinzusehen.

Fairness beginnt an der Stelle, an der wir uns eingestehen, dass wir an unsere Grenzen kommen, um dann nach umsetzbaren Lösungen zu suchen. Das kann z.B. bedeuten, dass man Situationen vermeidet, sich Hilfe sucht, mehr Zeit für Erholung einplant, die eigenen Emotionen und Stressreaktionen als Vorboten für Verhaltensmuster wahrnimmt und dem Impuls widersteht, sich Erleichterung über Machtausübung zu verschaffen.

Es bedeutet auch, dass wir unsere eigenen Erwartungen ehrlich reflektieren: Hatte ich realistische Szenarien vor Augen – oder ein rosarotes Instagram-Bild, in dem mein Hund und ich ganz entspannt ohne Leine durch den Wald laufen und er jederzeit fokussiert bei mir bleibt?

🤔 Habe ich mir vorgestellt, meinen Hund überall mitnehmen zu können: ins Restaurant, auf Reisen, zu Kinderfeiern oder ins Altersheim? Wie realistisch war meine Annahme, dass ein Hund mit Schlingen- und Transporttrauma aus dem Auslandstierschutz sich nach drei Wochen Urlaub „einfach so“ in eine völlig neue Umwelt einlebt?

🤔 Und: Bin ich tatsächlich bereit, den Hund so zu akzeptieren, wie er sich nach der Eingewöhnungsphase oder Welpenzeit entwickelt? Wollte ich mit ihm eine Therapiehundeausbildung machen oder in den Hundesportverein gehen – und muss nun erkennen, dass ihn das stresst und überfordert?

🤔 Habe ich Genetik und Rassemerkmale unterschätzt, wie z.B. starkes Jagdinteresse, Wachsamkeit oder Territorialverhalten, stelle aber trotzdem Erwartungen an meinen Hund, die er nicht erfüllen kann?

🤔 Welche ehrlichen Beweggründe hatte ich, eine große, stattliche Rasse zu wählen? Und kann ich nun fair bleiben, anstatt meinem Hund die Schuld dafür zu geben, dass ich ihn an der Leine nicht halten kann?

Wir alle haben hier ganz unterschiedliche Wünsche, Vorstellungen, Bilder und Träume. Und das ist völlig menschlich.

Es ist nur wichtig, uns vor Augen zu halten, dass unser Hund nicht verantwortlich für unsere unerfüllten Erwartungen ist. Er hatte bei unseren Plänen für ein gemeinsames Leben genau 0 Mitspracherecht.

Im hektischen Alltag sind wir schnell genervt, wenn unser Hund nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben, und wir suchen nach schnellen, günstigen und bitte ganz einfachen Lösungen.

Genau dieses Bedürfnis spielt der Dominanztheorie in die Hände.

Es war unsere Entscheidung, ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und einer eigenen Kommunikationsweise in unser Leben zu holen. Wir sind in der Pflicht, uns vernünftig zu informieren, zu recherchieren und Hundethemen medienkompetent zu konsumieren.

In unserer heutigen Zeit mit einer Fülle an Informationen sollten wir umso kritischer hinschauen, bevor wir Tipps und Ratschläge einfach übernehmen. Auch wenn wir denken, dass sie von Experten kommen. Hundetraining ist kein Ausbildungsberuf mit einem einheitlichen, staatlich geprüften Abschluss. Es besteht ein riesengroßer Graubereich.

Die Dominanztheorie ist bequem – aber unsere Hunde zahlen den Preis.

Je besser wir sie enttarnen können, desto eher können wir uns bewusst für einen fairen und gewaltfreien Umgang entscheiden.